Herausforderungen und Chancen im Bio-Landbau

Was bedeutet Bio-Landwirtschaft, wenn der Anbau nicht auf einer großen Farm in Monokultur stattfindet, sondern auf tausenden Mischfarmen, die von kleinbäuerlichen Familien bewirtschaftet werden?
Diese Frage stand im Mittelpunkt des LIMBUA Beitrags beim Ecocert Certification Symposium im August in Nairobi. Ecocert South Africa brachte Vertreter aus dem Bio-Sektor zusammen, um sich über Landwirtschaft und Zertifizierung auszutauschen.
LIMBUA war als Speaker eingeladen und brachte die Erfahrungen aus der Zusammenarbeit mit einem Netzwerk von tausenden Bio-Kleinbauern und Bäuerinnen ein. Unter dem Titel „Organic Challenges and Opportunities in Practice“ ging es bewusst nicht nur um Standards auf dem Papier, sondern um ihre tägliche Umsetzung in der Praxis.

Peter Wangara und Abigail Birech präsentierten die Herausforderungen und Chancen des Bio-Landbaus
Ausgangspunkt: Bio auf mehr als 9.000 einzelnen Farmen
Um die Herausforderungen zu verstehen, muss man zunächst wissen, wie LIMBUA arbeitet: Die Macadamianüsse, Avocados und Mangos, die wir verarbeiten, wachsen nicht auf einer einzigen großen Farm. Sie stammen von tausenden Kleinbauern und Bäuerinnen, mit denen wir zusammenarbeiten und die ihre eigenen kleinen, diversifizierten Flächen bewirtschaften.
Eine große Farm in Monokultur wäre in vieler Hinsicht einfacher zu organisieren: Anbaumethoden könnten für die gesamte Fläche einheitlich festgelegt werden. Welche Betriebsmittel verwendet werden, ließe sich zentral steuern. Auch Kontrollen und Dokumentation würden innerhalb eines einzigen landwirtschaftlichen Betriebs stattfinden.
Wir stellen die dafür notwendigen Strukturen bereit und übernehmen auch die Zertifizierungskosten für alle Kleinbauern und Bäuerinnen. Damit verbunden ist ein umfangreiches internes Kontrollsystem: Jeder der mehr als 9.000 Bio-Farmer wird mindestens einmal pro Jahr unangekündigt intern kontrolliert. Zusätzlich überprüfen externe Auditoren jährlich eine Auswahl der Betriebe.
Dieser deutlich aufwendigere Weg ist bewusst gewählt, denn die landwirtschaftliche Produktion und die damit verbundene Wertschöpfung sollen nicht auf einen großen Betrieb und wenige Beteiligte konzentriert werden. Stattdessen ist von LIMBUA gewollt, dass möglichst viele Menschen in der Region an der Wertschöpfung teilhaben.
Genau daraus ergeben sich allerdings einige der Herausforderungen, die wir beim Ecocert Symposium zur Diskussion stellten. Denn Bio sollte nicht nur auf einer großen Farm funktionieren, sondern ebenso auf kleinen, eigenständigen Betrieben mit unterschiedlichen Kulturen und Voraussetzungen.

LIMBUA Kleinbäuerin auf ihrer Bio-Mischfarm bei der Feldarbeit
Eine Farm, viele Interessen
Eine typische Kleinbauernfarm im LIMBUA Netzwerk ist keine Monokultur. Auf meist nur 0,4 bis 0,8 Hektar wachsen unterschiedliche Pflanzen und Bäume nebeneinander. Neben Macadamia können das beispielsweise Mais, Kaffee oder Tee sein. Hinzu kommen Gemüse und Nahrungsmittelkulturen für die Familie. Diese Vielfalt ist gewollt, denn sie reduziert die Abhängigkeit von einer einzigen Kultur und kann zu unterschiedlichen Zeiten Nahrung und Einkommen liefern.
Für die Bio-Zertifizierung ist die Ausgangslage damit allerdings deutlich komplexer, denn ein Farmer vermarktet beispielsweise Kaffee über einen anderen Abnehmer und erhält von diesem möglicherweise Dünger oder Pflanzenschutzmittel. Wird dabei ein für den Bio-Anbau nicht zugelassenes Betriebsmittel eingesetzt, kann das Auswirkungen auf den Bio-Status des gesamten Betriebs haben. Gleichzeitig stellen andere Abnehmer eigene Anforderungen an den Anbau, die nicht immer mit den Bio-Vorgaben vereinbar sind. So kann ein anderer Käufer beispielsweise den Einsatz bestimmter Betriebsmittel für Kaffee vorsehen, die nach den Bio-Vorgaben nicht zugelassen sind. Dadurch treffen auf einem einzigen kleinbäuerlichen Betrieb unterschiedliche Anforderungen und wirtschaftliche Interessen aufeinander.
Dass aus dieser Herausforderung auch eine Chance entstehen kann, zeigt die Entwicklung des LIMBUA Produktportfolios. Während wir anfangs ausschließlich Bio-Macadamia von den Kleinbauern bezogen haben, wuchsen Avocados und Mangos bereits auf vielen der Mischfarmen. Inzwischen werden alle drei Ernten eingekauft und direkt in unseren Produktionsstätten vor Ort verarbeitet. Für die Menschen vor Ort bedeutet dies, dass weitere Erzeugnisse Zugang zu einem Bio-Markt bekommen. Das schafft zusätzliche Absatzmöglichkeiten und stärkt die Mischfarmen wirtschaftlich.

Kleinbäuerliches Agroforstsystem in der Mount Kenya Region: unterschiedliche Kulturen wachsen gemeinsam auf einer Fläche
Begrenzter Zugang zu geeigneten Bio-Betriebsmitteln
Eine weitere Herausforderung wird besonders greifbar, wenn ein konkretes Problem auftritt: Was können Kleinbauern und Bäuerinnen beispielsweise einsetzen, wenn Schädlinge eine Kultur befallen?
Die Auswahl zugelassener Bio-Betriebsmittel ist in Kenia bislang begrenzt, insbesondere für die Schädlingsregulierung. Gleichzeitig gibt es viel lokales Wissen. Kleinbauern und Bäuerinnen stellen traditionell beispielsweise pflanzenbasierte Präparate aus Pfeffer oder anderen lokal verfügbaren Pflanzen und Kräutern her. Doch „natürlich“ bedeutet im zertifizierten Bio-Anbau nicht automatisch „zugelassen“. Auch solche Mittel müssen den Anforderungen der jeweiligen Bio-Standards entsprechen.
Weiterhin werden zum Teil konventionelle landwirtschaftliche Betriebsmittel durch staatliche Programme gefördert und sind dadurch leichter verfügbar. Ein Bio-Farmer kann somit vor der Situation stehen, dass eine konventionelle Lösung günstig und unmittelbar erhältlich ist, während eine geeignete und zugelassene Bio-Alternative schwerer zu beschaffen ist.

Field Officer begleiten die Kleinbauern und Bäuerinnen bei der Umsetzung der Bio-Anforderungen auf ihren Farmen
Hier zeigt sich besonders deutlich: Erfolgreicher Bio-Landbau hängt nicht nur davon ab, welche Mittel erlaubt oder nicht erlaubt sind. Kleinbauern und Bäuerinnen brauchen Lösungen, die unter den lokalen Bedingungen tatsächlich verfügbar und praktikabel sind.
Eine Chance liegt deshalb in der Entwicklung geeigneter Bio-Betriebsmittel vor Ort. Auch traditionelles Wissen kann dabei eine Rolle spielen. Pflanzenbasierte Verfahren sollten dokumentiert und geeignete Ansätze wissenschaftlich untersucht werden, damit daraus perspektivisch anerkannte Lösungen für den zertifizierten Bio-Anbau entstehen.
EU-Bio-Vorgaben: Wenn Zertifizierung zur organisatorischen Mammutaufgabe wird
Was auf einem fertigen Produkt am Ende als Bio-Siegel sichtbar ist, bedeutet in einem Kleinbauernnetzwerk wie dem von LIMBUA einen enormen organisatorischen Aufwand. Denn jede zusätzliche Anforderung betrifft nicht nur einen Betrieb, sondern muss für mehrere tausend Farmen umgesetzt und nachvollziehbar dokumentiert werden. Auch für die Kleinbauern und Bäuerinnen selbst bringt die Zertifizierung zusätzliche bürokratische Aufgaben neben der täglichen Arbeit auf ihren Höfen mit sich.
Mit den aktuellen EU-Bio-Regularien sind die Anforderungen an große Erzeuger-Netzwerke noch einmal deutlich umfangreicher geworden. Das LIMBUA Netzwerk wurde entsprechend in regionale Gruppen mit eigenen Vertretungsstrukturen gegliedert.

Die EU-Bio-Vorgaben erfordern einen hohen bürokratischen Aufwand
Was das in der Praxis bedeutet, zeigt allein die Menge der anfallenden Informationen. Für jeden Hof müssen Angaben zur Bewirtschaftung und zu eingesetzten Betriebsmitteln geführt werden. Erntemengen müssen dokumentiert und eindeutig zugeordnet werden. Was bei einem einzelnen Betrieb noch überschaubar erscheinen mag, vervielfacht sich in einem Netzwerk dieser Größe zu einem erheblichen bürokratischen Aufwand.
Um diese Anforderungen bewältigen zu können, haben wir unsere personellen Kapazitäten erheblich ausgebaut. Agronomen begleiten die Kleinbauern und Bäuerinnen bei der Umsetzung der Bio-Anforderungen. Hinzu kommen Field Officer und ICS Officer sowie Mitarbeitende, die mit den großen Mengen an Daten arbeiten und die Rückverfolgbarkeit vom Ankauf über Verarbeitung bis Export sicherstellen.
Dadurch entstehen auch qualifizierte Arbeitsplätze im ländlichen Raum. Der dafür notwendige personelle und finanzielle Aufwand bleibt jedoch eine große Herausforderung. LIMBUA kann diese Strukturen bereitstellen und übernimmt auch die Zertifizierungskosten für mehrere tausend Bauern und Bäuerinnen. Nicht jedes Unternehmen und erst recht nicht jede kleinbäuerliche Erzeugergruppe verfügt jedoch über die dafür notwendigen Ressourcen.

Schulungen unterstützen die Kleinbauern und Bäuerinnen bei der praktischen Umsetzung der Bio-Anforderungen
Genau hier liegt eine zentrale Herausforderung für die weitere Entwicklung des kleinbäuerlichen Bio-Anbaus: Steigt der administrative Aufwand weiter, kann ausgerechnet für kleinere Erzeugergruppen der Zugang zur Bio-Zertifizierung und damit zu internationalen Bio-Märkten schwieriger werden.
Die Antwort darauf sollten nicht weniger glaubwürdige Bio-Standards sein. Entscheidend sind vielmehr Systeme, die die Bio-Integrität zuverlässig sichern und gleichzeitig auch unter kleinbäuerlichen Bedingungen praktisch und wirtschaftlich umsetzbar bleiben.
Was die Bio-Landwirtschaft bewirken kann
Für LIMBUA ist der ökologische Landbau von Anfang an die Grundlage unseres Geschäftsmodells. Wir sind überzeugt, dass Landwirtschaft langfristig nur funktionieren kann, wenn sie ihre natürlichen Grundlagen schützt und gleichzeitig den Menschen eine langfristige Perspektive bietet. Der Schutz von Mensch und Natur gehört für uns deshalb unmittelbar zusammen.
Auf den Mischfarmen wird sichtbar, was das praktisch bedeutet. Der Verzicht auf synthetisch-chemische Betriebsmittel trägt dazu bei, Böden und Wasser zu schützen und die Biodiversität zu erhalten. Gleichzeitig werden natürliche Kreisläufe gestärkt. Pflanzenreste und anderes organisches Material werden beispielsweise kompostiert und dem Boden wieder zugeführt. Mulch schützt die Bodenoberfläche und hilft, Feuchtigkeit länger im Boden zu halten.
Gerade wenn Regenzeiten unregelmäßiger werden, ist ein gesunder, humusreicher Boden für die Bauern und Bäuerinnen keine abstrakte Umweltfrage. Er ist eine wichtige Grundlage dafür, ihre Flächen langfristig bewirtschaften zu können.
Auch die bereits beschriebene Vielfalt der Kulturen trägt dazu bei. Sie macht die Familien weniger abhängig von einer einzelnen Ernte und verbindet ökologische Vorteile mit einer größeren wirtschaftlichen Stabilität ihrer Betriebe.
Damit kleinbäuerlicher Bio-Anbau langfristig funktioniert
Unsere Erfahrungen zeigen, was Bio-Anbau mit vielen kleinen Familienbetrieben langfristig braucht. Internationale Bio-Standards schaffen Vertrauen und ermöglichen den Zugang zu entscheidenden Märkten. Gleichzeitig müssen ihre Anforderungen auch unter den Bedingungen vor Ort praktisch umsetzbar bleiben.
Dazu gehören lokal verfügbare Bio-Betriebsmittel und regulatorische Rahmenbedingungen, die den ökologischen Anbau unterstützen. Ebenso wichtig sind Kontroll- und Dokumentationssysteme, die eine verlässliche Bio-Integrität gewährleisten, ohne kleinere Erzeugergruppen durch zu hohe Kosten und einen unverhältnismäßigen organisatorischen Aufwand zu überfordern.

Die Bio-Landwirtschaft schafft neben Einkommen für die Farmer auch qualifizierte Arbeitsplätze im ländlichen Raum
Auch langfristige Märkte spielen eine entscheidende Rolle. Je mehr Erzeugnisse der Mischfarmen einen verlässlichen Bio-Absatz finden, desto wirtschaftlich stabiler ist der Bio-Betrieb.
Das Ecocert Certification Symposium in Nairobi bot unserem Team die Möglichkeit, diese Erfahrungen einzubringen und andere Perspektiven kennenzulernen.
Die Herausforderungen liegen nicht im Bio-Anbau selbst, sondern in den Rahmenbedingungen, unter denen er umgesetzt werden muss. Gerade deshalb ist der Austausch zwischen Landwirtschaft, Zertifizierung und weiteren Beteiligten so wichtig: damit hohe Bio-Standards erhalten bleiben und ihre praktische Umsetzung auch für kleinbäuerliche Strukturen langfristig möglich ist.

Das LIMBUA Team beim Ecocert Certification Symposium in Nairobi









