Ueli Hurter in Kenia
Als Co-Leiter der Sektion für Landwirtschaft am Goetheanum in Dornach (Schweiz) begleitet Ueli Hurter weltweit Initiativen und Betriebe bei der Weiterentwicklung der biodynamischen Landwirtschaft. Dieses Jahr besuchte Ueli erstmals LIMBUA in Kenia. Während seines Aufenthalts arbeitete er intensiv mit dem Agrar-Team, das für die Umsetzung der biodynamischen Arbeit verantwortlich ist. Ergänzt wurde das Programm durch Besuche auf verschiedenen Farmen von Kleinbauern und Bäuerinnen, die bereits nach den Demeter-Richtlinien arbeiten.
Ueli, du warst zum ersten Mal bei LIMBUA in Kenia. Wie war es für Dich?
Ueli: "Ich wusste im Vorfeld gar nicht so genau, was mich erwartet. Und es war dann tatsächlich eine Überraschung. Die Begrüßung war offen und feierlich. Es war nicht einfach nur ein „Ankommen“, sondern ich wurde wirklich herzlich empfangen.

Ueli Hurter im Austausch mit Lizzie Njoki und ihrem Mann Douglas Nguu während seines Besuchs bei LIMBUA in Kenia
Dieses Gefühl des Willkommen-Seins hat sich über den gesamten Aufenthalt durchgezogen. Man merkt relativ schnell, es ist etwas Besonderes da – ich würde schon sagen, ein bestimmter Geist. Dieser "LIMBUA Spirit" ist im gesamten Unternehmen spürbar: von der ersten Begegnung mit dem Fahrer, der mich abgeholt hat, über die Teams bis hin zum Management. Und das hat mich echt beeindruckt. Ich hatte ein Bild im Kopf, aber die Qualität der Begegnung war stärker, als ich gedacht hätte."
Wie war die Begegnung mit den Menschen vor Ort?
Ueli: "Was mir aufgefallen ist: Die Menschen sind da. Also wirklich da. Man hat ein echtes Gegenüber. Ich habe sowohl die Kleinbauern und Kleinbäuerinnen als auch das Team als sehr präsent erlebt. Auch mit einem gewissen Stolz, aber nicht im Sinne von Abgrenzung, sondern eher im Sinne von: „Ich stehe zu dem, was ich tue.“ Sehr authentisch.
Mit den Farmern hatte ich einen kollegialen, wertschätzenden Umgang, auf Basis gegenseitiger Achtung. Zwischen der Schweizer und der kenianischen Landwirtschaft gibt es große Unterschiede. Trotzdem waren wir Landwirte sofort auf einer Wellenlänge. Man spürt eine ähnliche Haltung und viele Gemeinsamkeiten. Und gleichzeitig ist da eine Offenheit, das ist nicht selbstverständlich. Ich habe es so empfunden, dass verschiedene Schichten von Wertschätzung da sind. Also nicht nur funktional – „du machst deine Arbeit gut“ –, sondern wirklich auch ein Würde-Empfinden im Umgang miteinander."

Voneinander lernen: afrikanische und europäische Landwirtschaft im Vergleich
Du hast mit dem LIMBUA Agrar-Team gearbeitet?
Ueli: "Ja, das war für mich ein ganz zentraler Teil. Wir haben nicht einfach nur gesprochen, sondern intensiv zusammengearbeitet. Ich habe ja viel landwirtschaftliche Praxiserfahrung auf Basis meines Lebenslaufs und konnte mit anpacken, was wiederum das Team begeistert hat. Wir haben unter anderem Präparate* hergestellt und angewendet sowie uns darüber ausgetauscht, was funktioniert und wo noch Fragen sind.
*Biodynamische Präparate werden aus pflanzlichen, mineralischen und tierischen Bestandteilen hergestellt. Je nach Art werden sie dem Kompost zugesetzt oder auf Feldern und Pflanzen ausgebracht. Sie sollen Bodenfruchtbarkeit sowie natürliche Entwicklungsprozesse unterstützen
Und das war kein einseitiger Prozess. Ich habe mein Wissen eingebracht, habe aber ebenso von den Kenianern gelernt. Das Team ist sehr gut geschult. Man merkt, dass im Laufe der Jahre schon viel Erfahrung in der biodynamischen Landwirtschaft aufgebaut wurde. Gleichzeitig ist es nicht starr, sondern offen. Es gibt keine Haltung von „Wir wissen das jetzt“, sondern eher: „Wir sind in einem Prozess.“ Und genau so muss es auch sein. Biodynamische Landwirtschaft ist nichts, was man einfach überträgt. Sie entwickelt sich im jeweiligen Kontext."

Praktische Zusammenarbeit mit dem LIMBUA Agrar-Team
Du warst auch auf den Farmen unterwegs. Wie war das für dich?
Ueli: "Ich habe solche Mischfarmen im Agroforstsystem in dieser Form zum ersten Mal gesehen. Es gibt bei den LIMBUA Kleinbauern nicht diese Spezialisierung auf eine Kultur. Neben Macadamia wachsen Mango, Mais, Bananen, Kaffee und weitere Nutzpflanzen; also eine große Vielfalt. Und die Bäume sind in die Landwirtschaft mit einbezogen. Ganz anders als zum Beispiel in der Schweiz oder in Deutschland, wo es eine klare Trennung zwischen Bäumen und Anbauflächen gibt.
Und es geht nicht darum, dass dort einfach nur „mehr Pflanzen“ auf einem Raum wachsen, sondern alles hat eine Funktion. Die Erntezyklen verteilen sich über das Jahr, und die Hofsysteme sind dadurch stabiler.
Für die biodynamische Landwirtschaft ist das eine gute Ausgangslage. Denn es geht nicht darum, eine einzelne Kultur zu optimieren, sondern das Zusammenspiel zu begreifen. Wir verstehen den Hoforganismus als etwas Lebendiges, Vielschichtiges, in dem sich alles wechselseitig bedingt."

Die Agroforstsysteme von LIMBUA Kleinbauern verbinden Bäume, Kulturpflanzen und landwirtschaftliche Nutzung auf einer Fläche
Du hast Demeter-zertifizierte Farmer besucht. Was konntest du dort beobachten?
Ueli: "Ja, das war interessant, weil man unterschiedliche Entwicklungsstände gesehen hat; von Kleinbauern, die noch am Anfang stehen, bis hin zu solchen, die schon einige Jahre Erfahrung in der biodynamischen Landwirtschaft mitbringen. Und das Spannende sind ja die Prozesse. Man kann biodynamische Landwirtschaft nicht an einem Moment festmachen. Sie entwickelt sich über die Zeit.
Die Verbindung von Agroforstwirtschaft und Biodynamik funktioniert gut, auch aufgrund der geringen Mechanisierung und weil es viel Flexibilität in der landwirtschaftlichen Gestaltung auf den einzelnen Höfen gibt. Es gibt Hinweise darauf, dass sich die Resilienz der Farmen verbessert und sich dies auch positiv auf die Produktqualität auswirken könnte. Genau deshalb möchten wir diese Entwicklungen künftig genauer untersuchen. Nicht nur agronomisch, sondern auch gemeinsam mit den Bauern und Bäuerinnen.

Einblick in die Herstellung und Anwendung biodynamischer Präparate im kleinbäuerlichen Kontext
Seit der Einführung von Demeter im Jahr 2018 scheint sich unter den LIMBUA Kleinbauern eine eigenständige Bewegung entwickelt zu haben. Immer mehr möchten die biodynamische Landwirtschaft auf ihren Höfen umsetzen; zum Beispiel aufgrund der positiven Rückmeldungen ihrer Nachbarn. Ich sehe darin ein klares Potenzial.
Daher wäre es sehr interessant, den Impact der Biodynamik genauer zu untersuchen und zu schauen: Was verändert sich bei den Pflanzen? Was verändert sich im Boden? Und auch: Was verändert sich beim Menschen? Dabei geht es uns nicht nur um Messwerte, sondern auch um die Erfahrungen der Bauern und Bäuerinnen selbst. Ich möchte mir gerne mit meinem Team in der Praxisforschung ein Bild verschaffen, im Rahmen eines Action Research Projektes, und dabei die Farmer aktiv einbinden. Gemeinsam mit dem kenianischen Team möchten wir Beobachtungen, Interviews und agronomische Erhebungen zusammenführen und daraus lernen."
Wie war es, den Ernte-Einkaufsprozess zu erleben?
Ueli: "Das zu sehen war für mich sehr wichtig. Der Einkauf der Ernten findet ja durch die LIMBUA Teams direkt bei den Farmern auf deren Höfen statt und wird über ein digitales System begleitet. Also Digitalisierung mitten in der Natur.
Aber entscheidend ist für mich nicht nur die Technik, sondern die Beziehung. Der Einkauf ist nicht einfach nur ein Marktprozess, sondern hat etwas von assoziativem Wirtschaften. Das bedeutet, dass wirtschaftliche Prozesse nicht isoliert stattfinden, sondern in Beziehung gedacht werden. Denn LIMBUA steht das ganze Jahr über im direkten Kontakt mit den Farmern. Es ist eine gewachsene Beziehung zwischen den Kleinbauern und dem Unternehmen."

Der Einkauf der Ernten findet direkt auf den Farmen statt und wird digital erfasst
Welche landwirtschaftlichen Unterschiede siehst du zwischen Europa und dem, was du bei LIMBUA in Kenia erlebt hast?
Ueli: "Die Ausgangssituation ist eine andere. In Europa ist vieles stärker getrennt: Wald hier, Acker dort, Tierhaltung wieder woanders. In Kenia auf den Bio-Mischfarmen ist alles viel näher zusammen. Die Pflanzen und Tiere sind in das System eingebunden und werden nicht isoliert betrachtet.
Ich glaube, wir müssen die Prinzipien der Agroforstwirtschaft mit denen der Biodynamik weiter verknüpfen. Denn die Biodynamik basiert auf der mitteleuropäischen Feldwirtschaft. Bäume stehen dort meist angrenzend, aber eben nicht mitten im landwirtschaftlichen Betrieb. Gleichzeitig sind die klimatischen Bedingungen in Kenia ganz anders. Das betrifft die Temperaturen, aber auch Regen- und Trockenzeiten. Man muss mit dem Mikroklima arbeiten, also nicht nur den Boden pflegen, sondern auch Bedingungen schaffen, unter denen Pflanzen gut wachsen können."

Fachlicher Austausch zu biodynamischen Kompostpräparaten
Welche Herausforderungen siehst du bei der Umsetzung biodynamischer Landwirtschaft in Kenia?
Ueli: "Eine Herausforderung ist sicher, dass viele Ansätze aus einem anderen Kontext kommen. Man kann sie nicht einfach 1:1 auf Kenia übertragen. Es braucht Anpassungen an das Klima, die verfügbaren Materialien und die kulturellen Bedingungen. Allein schon der Unterschied zwischen den kenianischen Agroforst-Mischsystemen und der überwiegenden Feldwirtschaft in Europa. Das sind ganz unterschiedliche Systeme. Für mich stellt sich da die Frage: Kann man hier etwas implementieren? Also eine neue biodynamische Welt im Agroforst-Kontext?
Eine weitere Herausforderung sind die Präparate. Nicht alles für die Präparateherstellung ist in gleicher Weise verfügbar wie in Europa. Wenn es zum Beispiel bestimmte Pflanzen für die Präparate nicht gibt, braucht es regionale Lösungen. Man muss Lösungen und Alternativen finden, die vor Ort funktionieren. Und das ist auch richtig so. Es geht nicht darum, ein Modell zu überzustülpen, sondern es individuell im jeweiligen kulturellen und klimatischen Kontext weiterzuentwickeln."

Herstellung biodynamischer Präparate mit dem LIMBUA Team
Du hast die Wertschöpfungskette bei LIMBUA kennengelernt. Gab es da bestimmte Eindrücke?
Ueli: "Ein Punkt, der mir aufgefallen ist, ist der Umgang mit den Ressourcen. Es gibt ein klares Bemühen um Recycling, also darum, Produktionsrückstände wieder in Kreisläufe zu bringen. So wird zum Beispiel aus den organischen Reststoffen der Macadamia-, Avocado- und Mangoproduktion Bio-Kompost hergestellt. Weiterhin werden Macadamiaschalen nach dem Knacken zur Erzeugung von Wärme und Strom verwertet.
Es gibt bei LIMBUA die Haltung: Was da ist, wird auch weiter genutzt. Nichts wird vorschnell als Abfall betrachtet. Und das ist mehr als nur effizient. Es hat auch etwas mit Achtsamkeit zu tun. Wie gehe ich mit den Produkten um? Welche Verantwortung habe ich als Unternehmen?"

Einblick in die Mango-Verarbeitung
Wenn du auf das Gesamtbild schaust, was ist dein Fazit?
Ueli: "Was mich beeindruckt hat, ist, dass der ganzheitliche Gedanke nicht bei der Landwirtschaft endet. Die Prinzipien wirken in die Organisation hinein, in die Zusammenarbeit und in die Art, wie Entscheidungen getroffen werden. Es ist zum Beispiel gewollt, dass die Teams experimentieren dürfen und kreativ denken. Es gibt Freiräume für die Mitarbeitenden, Verantwortung zu übernehmen. Proaktives Mitanpacken ist ausdrücklich erwünscht. Dadurch werden Potenziale und Energie freigesetzt.
Man spürt, dass das Unternehmen mit einem klaren Bezug zum Menschen und zur Natur gegründet wurde. Wirtschaft wird nicht losgelöst gedacht, sondern in Beziehung zum Menschen und zur ökologischen Verantwortung. LIMBUA ist ein For-Profit Social Business, das von vielen Schultern getragen wird.
Und gleichzeitig funktioniert es wirtschaftlich. Das ist das Entscheidende."